Bürgerinitiative gegen Fluglärm, Bodenlärm und Umweltverschmutzung e.V.
Fluglaerm

Anderswo in Deutschland

Ein kleiner Essay über das Fehlen von militärischem Fluglärm.

14. Juli 2007, 3 Uhr morgens: es geht los, eine Woche Urlaub auf Rügen im hohen Nordosten Deutschlands. Eine Woche ohne Lärmreservat Saarland. Je weiter wir auf der Autobahn nach Norden vordringen, desto spärlicher werden die Flugspuren des zivilen Luftverkehrs am Himmel über uns. Ein paar Bedenken sind da noch: werden wir dort wirklich Ruhe und Erholung finden, oder ist die Seuche Fluglärm auch dort schon angekommen? Immerhin befindet sich in der Nachbarschaft ein Luftübungsraum namens "ED-R 206", der aber laut Karte die Insel nicht umfasst.

Samstag Nacht kommen wir an, draußen herrscht fast totale Stille. Eine nette Begrüßung, wie ich finde. Sonntags aufstehen, der Blick zum Himmel zeigt vereinzelte Kondensstreifen von sehr hoch fliegendem Zivilverkehr und hin und wieder ein paar tiefer fliegende Maschinen, möglicherweise Verkehr von Kopenhagen und Rostock, insgesamt aber nicht tragisch. Scheint doch ganz gut zu sein hier. Montags dann eine weitere positive Überraschung: der Himmel präsentiert sich nahezu frei von jeglichen Flugspuren, nur spärlich kommt sehr hoch fliegender Linienverkehr durch. Der lärmtraumatisierte Saarländer denkt beim Fehlen von Kondensstreifen natürlich sofort an zu Hause, wo dieses Bild für einen für Zivilflüge gesperrten Luftraum und unkalkulierbar hereinbrechenden Lärm durch Kampfjets steht, und befürchtet schon das Schlimmste. Doch es bleibt ruhig. Langsam entkrampfen sich die angespannten Sinne, die Schultern senken sich aus der mittlerweile dauerhaft angstvoll hochgezogenen Position in eine entspannte Haltung, und das lärmzermarterte Hirn erinnert sich: so war es früher auch einmal zu Hause. Früher, bevor Politiker und Militärs beschlossen haben, meine Heimat zur akustischen Müllhalde umzufunktionieren, in der über meinem Kopf den ganzen Tag lautstark für den Krieg geprobt werden darf.

Außerhalb des saarländischen Lärmreservates sind Dinge möglich, von denen man bei uns nicht mehr zu träumen wagt. Beispielsweise kann man sich morgens mit einem Buch auf die Terrasse setzen und ungestört lesen. Oder den ganzen Tag mit dem Fahrrad durch die Gegend streifen, ohne von tief fliegenden oder dauerdröhnenden F-16 und Tornados terrorisiert zu werden. Oder den Abend im Freien verbringen, ohne dass US-Militärtransporter die Luft mit Lärm und Dreck verpesten. Unglaublich, aber wahr. In diesem Stil geht es die ganze Urlaubswoche weiter, und irgendwann schaffe ich es sogar, mich über das schöne Wetter zu freuen - ein Gefühl, das mir zu Hause schon längst abhanden gekommen ist, denn schönes Wetter ist Lärmwetter.

Ich fange an zu begreifen, dass die Ruhe hier normal ist und wünsche mir diesen Zustand auch für meine Heimat, weil ich glaube, dass auch das Saarland, seine Bewohner und seine Besucher es verdient haben, in einer menschenwürdigen Umwelt zu leben. Der Abschied fällt mir schwer, und ich überlege, ob es nicht möglich ist, hier zu bleiben, hier, wo man nicht von 7 Uhr morgens bis 23:30 in der Nacht mit militärischem Fluglärm gefoltert wird. Aber daheim gibt es noch Verpflichtungen, unter anderem den Kampf gegen die militärische Lärmseuche, und ich habe keine andere Wahl, als nach Hause zu fahren.

23. Juli 2007, 16:40: die Luft dröhnt im saarländischen Bexbach wieder einmal vom Nachbrenner eines Kampfjets.

Bexbach, im Juli 2007
Patrick Fey

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