Bürgerinitiative gegen Fluglärm, Bodenlärm und Umweltverschmutzung e.V.
Fluglaerm

Der TRA LAUTER-Skandal

Ein Bericht von Holger Marzen, 25.03.2009. Aktualisiert am 22.05.2015.

Nur ein bisschen Kampfjetlärm? Oder ein handfester Skandal mit Beteiligten, die das Grundgesetz mit Füßen treten?

Worum geht es überhaupt?

TRA LAUTER
TRA LAUTER

Die Re­gi­on Ei­fel/Westpfalz/Saarland liegt un­ter meh­re­ren, sich über­lap­pen­den Luf­träu­men, in de­nen Kampf­jets ohne jeg­li­che Lärm­be­schrän­kung flie­gen dür­fen. Zwei da­von ha­ben Na­men: TRA LAUTER und POLYGONE. Die Flü­ge um­fas­sen Ab­fang­jag­den (mit und ohne Nach­bren­ner), Tief­flü­ge, Über­schall­flü­ge mit Knall und Flü­ge ir­gend­wo da­zwi­schen, z.B. tie­fe Flü­ge, die nicht als Tief­flü­ge ge­zählt wer­den. Dazu kom­men Ver­sor­gungs- und Übungs­flü­ge schwe­rer Trans­port­ma­schi­nen der US-Air­for­ce und deut­sche Trans­por­te von Fall­schirm­sprin­gern. Ohne be­son­de­re Ge­neh­mi­gun­gen dür­fen Übungs­flü­ge mit Kampf­jets un­ter Missach­tung der üb­li­chen Mit­tags- und Nachtru­he durch­gän­gig bis 23.30 Uhr (Ok­to­ber bis April) oder bis 21.00 Uhr (Mai bis Sep­tem­ber) un­ter Auss­per­rung des zi­vi­len Ver­kehrs von 3000 Me­tern Höhe auf­wärts ohne Ankün­di­gung und Men­gen­be­schrän­kung durch­ge­führt wer­den. Außer­halb die­ser Zei­ten und Höhe – ins­be­son­dere un­ter 3000 Me­tern – darf eben­falls be­lie­big laut und lan­ge geübt wer­den, nur muss das Mi­litär dann auf den zi­vi­len Flug­ver­kehr ach­ten.

Wo ist das Problem?

TRA LAUTER
TRA LAUTER: Täter und Opfer

Da es außer­halb der un­mit­tel­ba­ren Um­ge­bung von Flug­hä­fen ju­ris­tisch ge­se­hen kei­nen Fluglärm gibt, gibt es auch kei­ne Be­schrän­kun­gen der Lärmstär­ke und Dau­er. Das führt dazu, dass die Men­schen der Re­gi­on an 222 von 253 un­ter­such­ten Werk­ta­gen des Jah­res 2008 mi­litäri­schen Fluglärm er­tra­gen muss­ten, da­von an 22 Ta­gen noch zu­sätz­lich zwi­schen 18.00 und 20.00 Uhr und an 49 Ta­gen von 20.00-22.00 Uhr. Lei­der gab es auch Flü­ge nach 22.00 Uhr im Win­ter so­wie Ver­let­zun­gen der 21.00 Uhr-Gren­ze im Som­mer. Eine be­son­de­re Be­las­tung liegt dar­in, dass es kei­ne den Bür­gern zugäng­li­chen Flug­plä­ne gibt. Da­her gibt es bis zum späten Abend kei­ne Ent­span­nung, und je­des klei­ne Geräusch ver­setzt den Kör­per in einen Stress­si­tu­a­ti­on, weil er sich auf eine er­neu­te Lär­mat­ta­cke vor­be­rei­tet – ob sie dann kommt oder nicht.

Auch am Wo­che­n­en­de gibt es kei­ne Ruhe, da der Flug­be­trieb der US-Air­ba­se Ram­stein rund um die Uhr ge­neh­migt ist, auch nachts. Grün­de konn­te uns we­der das Ver­bin­dungs­büro der Air­ba­se noch die ge­neh­mi­gen­de Behör­de Wehr­be­reichs­ver­wal­tung West nen­nen, so dass als Zu­sam­men­fas­sung nur bleibt: Sie flie­gen, weil sie dür­fen, und sie dür­fen, weil sie wol­len.

Gibt es noch andere gesundheitliche Belastungen?

POLYGONE
POLYGONE

Zur Radar­täu­schung wer­den trotz Ver­bots so­ge­nann­te Düp­pel oder Chaff aus­ge­bracht, das sind alu­mi­ni­um­be­schich­te­te Glas­fa­sern, die ge­le­gent­lich auch vom Wet­ter­ra­dar er­fasst wer­den. Das Aus­brin­gen darf ei­gent­lich nur über dem Meer und Trup­penü­bungs­plät­zen er­fol­gen, wur­de aber nach­weis­lich im Fe­bru­ar 2008 über der Re­gi­on durch­ge­führt und ist auf­ge­fal­len, weil ei­ni­ge Kar­tu­schen nicht rich­tig de­to­niert sind, so dass das Ma­te­ri­al bü­schel­wei­se über der Pfäl­zer Ge­mein­de Schopp her­un­ter­kam. Aber auch wenn es über dem Meer aus­ge­bracht wird, kann es über be­wohn­tem Ge­biet nie­der­ge­hen. Weil die­se Glas­fa­sern nicht durch die Lun­ge ins Blut ge­hen, be­haup­tet das Mi­litär, sie sei­en un­be­denk­lich.

Wer fliegt denn da? Und warum?

Die größte Be­las­tung mit Kampf­jets geht von der US-Air­ba­se Spang­dah­lem in der Ei­fel aus, dicht gefolgt vom Fliegerhorst Büchel, ebenfalls aus der Eifel und mit Spe­zi­ali­sie­rung auf die Ver­lär­mung des Abends. Für die­se ist es be­quem, qua­si vor der Haustür zu üben. Wenn sie nicht flie­gen, lässt der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter an­de­re Aus­län­der flie­gen, z.B. Bel­gier, Nie­der­län­der, Ita­lie­ner, Ru­mä­nen aber auch Schwei­zer. Die Bun­des­luft­waf­fe aus Nör­ve­nich, Ja­gel und an­de­ren Flie­ger­hors­ten fliegt hier eben­falls. Manch­mal ist der Treib­stoff­ver­brauch doch nicht so wich­tig. Vor­wän­de für die Lärm­kon­zen­tra­ti­on sind ei­ner­seits prak­ti­scher Art, wie die räum­li­che Nähe zur Air­ba­se Spang­dah­lem und zum Flie­ger­horst Bü­chel, an­de­rer­seits po­li­tisch mo­ti­viert, wie die Mi­ni­mie­rung des Pro­tests durch Mi­ni­mie­rung der An­zahl der Be­trof­fe­nen, oder ein­fach er­lo­gen, wie die omi­nö­sen „Flug­mus­ter“, die man nur in der TRA LAU­TER flie­gen kön­ne. Offizielle Zah­len über die rei­nen Flug­stun­den sind der Ant­wort auf eine Klei­ne An­fra­ge der Grü­nen im rhein­land-pfälzischen Land­tag zu ent­neh­men.

Wie sehen die Opfer die rechtlichen Aspekte?

Lärm in die­ser Kon­zen­tra­ti­on macht krank. Das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um strei­tet natür­lich al­les ab, so­gar die Schäd­lich­keit von Chaff, mehr­ma­li­ges nächt­li­ches Ge­weckt­wer­den der über­flo­ge­nen Bür­ger oder den in­fer­na­li­schen Lärm von Tief­flü­gen – da ist das Abstrei­ten der Schäd­lich­keit des Dau­er­dröh­nens durch Ab­fang­jag­den (auch mit Nach­bren­ner) oder der Über­schall­knal­le bloß ein Mo­sa­ik­stein im leicht zu durch­schau­en­den Lü­gen­ge­bäu­de. Im­mer­hin muss­te die Ar­beits­grup­pe, die auf Druck der Op­fer im De­zem­ber 2008 erst­ma­lig mit dem Ziel der Lärm­min­de­rung auf der Hardthöhe zu­sam­men­kam, end­lich zu­ge­ben, dass die Lärm­be­las­tung der Re­gi­on mit mi­litäri­schem Fluglärm die bun­des­weit höchs­te ist. Wohl­ge­merkt – es han­delt sich nicht um eine Ein­flug­schnei­se son­dern um den Le­bens­raum von ca. 2 Mil­lio­nen Men­schen.

Die krank ma­chen­de Lärm­kon­zen­tra­ti­on stellt da­mit eine dau­er­haf­te Ver­let­zung der Grund­rech­te auf kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit und Gleich­be­hand­lung dar.

Was gibt es noch für rechtliche Aspekte?

Hier üben­de US-Staf­feln wer­den nach den Übun­gen zum Ein­satz in die Krie­ge der USA in den Na­hen Os­ten ver­legt. Die­se Krie­ge ha­ben als An­griffs­krie­ge auf sou­ve­räne Staa­ten be­gon­nen, auch wenn sie nachträg­lich durch Ver­ein­ba­run­gen mit Ma­ri­o­net­ten­re­gie­run­gen zu le­gi­ti­mie­ren ver­sucht wur­den. Da­mit ist die Un­ter­stüt­zung die­ser Krie­ge, z.B. durch Über­las­sung des Luf­traums für Übungs- und Ver­sor­gungs­flü­ge, grund­ge­setz­wid­rig. Der Luf­traum muss für die Mehr­zahl der US-Mi­litär­flü­ge ge­sperrt wer­den.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Ein Teil der Lö­sung er­gibt sich di­rekt aus der Fra­ge, was US-Trup­pen hier noch zu su­chen ha­ben. Ei­nen Bei­trag zur Ver­tei­di­gung des Lan­des leis­ten sie nicht, im Ge­gen­teil. Sie er­zeu­gen Leid im Na­hen Os­ten und säen Hass, der zu ter­ro­ris­ti­schen An­schlä­gen führen kann. Dass die US-Trup­pen die Ge­fahr als real an­se­hen zeigt sich dar­in, dass sie ihre AD- und HK-Au­to­kenn­zei­chen durch ortsüb­li­che er­set­zen, um außer­halb ih­rer Ba­sen schwe­rer er­kenn­bar zu sein und die deut­sche Zi­vil­be­völ­ke­rung als le­ben­de Schutz­schil­de zu nut­zen.

Aber selbst wenn die US-Ba­sen nicht so­fort ge­schlos­sen oder zur zi­vi­len Nut­zung kon­ver­tiert wer­den, ist das dicht be­sie­del­te Deutsch­land der denk­bar schlech­tes­te Ort, um aus­län­di­sches Mi­litär hier mit Kampf­jets her­um­lär­men zu las­sen. Auch die Bun­des­luft­waf­fe muss das nicht. Die weitaus meis­ten Flü­ge sind ver­la­ger­bar, z.B. über das Meer oder ge­eig­ne­te Einö­den von Part­ner­staa­ten.

Der ge­rin­ge Rest der Flü­ge über be­sie­del­tem Ge­biet kann dann or­dent­lich ge­plant, an­gekün­digt und über ganz Deutsch­land (und da­mit mei­nen wir nicht bloß ein paar Lärm­re­ser­va­te) ver­teilt wer­den, so dass je­der nur ge­rin­ge Be­las­tun­gen er­tra­gen muss. Si­cher wird das Mi­li­tär Grün­de (er)fin­den, warum das über­haupt nicht geht, und der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter wird be­fürch­ten, dass er dann Be­schwer­den von Men­schen be­kommt, die die­sen Lärm nie kann­ten. Da die sta­ti­schen Übungs­zo­nen ein­ge­rich­tet wer­den konn­ten, gibt es aber kei­nen Grund, sie nicht wie­der auf­lö­sen zu kön­nen und dafür den Luf­traum so zu nut­zen, dass alle Men­schen gleich­mäßig und mo­de­rat be­las­tet wer­den. Wenn der Ver­tei­di­gung­mi­nis­ter we­gen mög­li­cher Pro­tes­te Angst hat, Übun­gen über dem Wann­see, dem Starn­ber­ger See oder dem Bo­den­see ab­zu­hal­ten, dann darf er sie auch nicht über dem Los­hei­mer Stau­see oder dem Bos­tal­see im Saar­land ab­hal­ten.

Die be­trof­fe­nen Men­schen wer­den nicht ihre Ge­sund­heit und Le­bens­qua­lität auf­ge­ben, da­mit aus­län­di­sches und deut­sches Mi­litär be­quem auf ihre Kos­ten den Krieg über ih­ren Köp­fen üben kann. Wie lan­ge lässt der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter den Krieg ge­gen einen Teil sei­ner Bür­ger und ge­gen das Grund­ge­setz noch zu?

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